Wenn man stumm ist, schreibt man seine Seele auf Papier.
Und manchmal schreibt man Geschichte.

29. Oktober 2014

useyourchances #3

September
Ich steige in das frostige Auto und schalte den Motor an. Langsam wird die Windschutzscheibe klar und ich fahre los in Richtung Bahnhof. Ich soll ihn abholen - den Typ in Basketballergröße. Ich kann es nicht glauben, dass er wirklich so großartig ist wie auf den ersten Blick gedacht. Doch er ist es. Als ich einen Parkplatz finde und die Minute naht, in der er um die Ecke kommen wird, nachdem er aus dem Zug ausgestiegen ist, steige auch ich aus und platziere mich unter einer Laterne, damit er mich auch ja sieht.
Er kommt. Er sieht mich. Ich lächele. Er kommt näher. Er umarmt mich. Er küsst mich. Ich bin glücklich.
Er sagt mir wie schön es ist mich wiederzusehen und wir steigen ins Auto ein, in die Wärme.
Seine Sporttasche liegt hinten, da er auf der Arbeit war.
Wir unterhalten uns über einige Vorfälle bis er anfängt mich wie wild zu küssen. Es ist in Ordnung.
Er greift mir oben ins Oberteil hinein. Ich ziehe seine Hand weg.
Er greift mir erneut oben herein. Es ist nicht in Ordnung.
Ich schubse ihn weg und sehe in verletzt und wütend an.
- Hör auf
Er lacht.
- Mit was ?
- Damit. Du weißt mit was.
- Mit was denn ?
Er macht sich lustig darüber - lacht. Ich könnte platzen vor Wut.
- Du sollst aufhören mir an die Brüste zu fassen. Ich finde es nicht lustig. Ich lasse dir die Wahl: Hör auf damit und fang an, mich ernst zu nehmen oder du kannst aussteigen und gehen.
- Ich will aber beides
- Tja, Pech, das funktioniert mich. Sieh mal wie viel Uhr es ist. Dein letzter Bus wäre auch schon weg.
- Willst du mich erpressen ?
- Nein, du hast die freie Wahl.
- Nein, das ist Erpressung.
- Ist es nicht, aber okay. Also. Wofür entscheidest du dich?
- Gut, dann geh ich.
- Okay.
Er grinst mich noch an, als würde er erwarten, dass ich sage, ich hätte nur Spaß gemacht.
Er irrt sich.
Er öffnet die Tür und bevor er sie zu macht, frage ich:
- Bist du dir ganz sicher?
- Ich nehme aus Prinzip immer das, was hinter dem "oder" steht.
In dem Moment denke ich: Er ist es. Er ist wie ich. Genau so denke ich auch .. aber .. Moment. Nein. Ich weiß, wann es angebracht ist, sich AUS PRINZIP richtig zu entscheiden. Er nicht. Und er ist fast 10 Jahre älter als ich. Traurig. Enttäuschend. Bitter.
- Okay.
Er öffnet die hintere Tür, holt seine Tascher heraus.
- Ich frage nochmal, bist du dir ganz sicher?
- Ich habe dir gesagt, ich nehme immer das hinter dem "oder". Aus Prinzip.
- Okay.
- Auf Wiedersehen.
- Oh Nein. Dir ist klar, dass wenn du jetzt gehst, wir uns nie wieder sehen werden ?
- Das kannst du nicht wissen.
- Oh doch, ich bin zu Hundert Prozent sicher.
- Na dann

Er schließt die Tür. Ich fahre los. Bin noch in irgendsowas wie einem Schockzustand gefangen. Irgendwann an einer der vorletzten Ampeln fange ich laut an zu schreien, wie meine Psychologin meinte, dass es hilft. Ich schreie, beleidige und heule - es soll helfen, dass man nicht mehr so wütend ist.
Tut es nicht.
Es verletzt. Es ist enttäuschend und ich glaube, in meinem Leben hatte ich nie mehr Erwartungen in jemanden als in diesen Mann. Alles war so verdammt vielversprechend und dann erlebte ich einfach die größte Enttäuschung meines bisherigen Lebens. Bitter. Bitter aber Real. Also muss ich weitermachen.

Oktober
Ich bin traurig, als ich die Gänge entlang laufe, die mich durch das Lager meines Arbeitsplatzes führen. Es ist eines der letzten Male, in denen ich hier lang laufe. Etwas bereue ich es, dass ich gekündigt habe, aber hey. Life goes on.
Ich öffne die Tür, grüße, bleibe stehen. Kann es nicht glauben.
Da steht mir dieser wunderbar aussehende und verdammt sympathische Kollege vor mir, der mich vor paar Tagen noch bei Facebook hinzugefügt hat.
Er war ewig nicht da, dank einer Verletzung. Ich hatte ihn schon ganz vergessen.
Wir reden kurz, ich bin so nervös wie eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr.
Ständig spiele ich an meinen Haaren, schaue auf den Boden, ahnungslos was ich sagen oder tun soll.
Irgendwann muss ich weiter, aber es hat mir bereits den Tag versüßt.
Die Tage darauf schreiben wir. Es tut gut.
Als wir von seinem zweiten Job sprechen, den er im Theater/Oper hat, passiert das Unglaubliche. Er lädt mich ein mit ihm in eine Vorführung zu gehen, da er diese umsonst mit einer Begleitung besuchen darf.
Ich kann es nicht glauben und spüre die lang vermisste Euphorie.
Ja, ich gestehe.
Ich habe erneut diese große Hoffnung in diesen Mann, dass er mehr Mann ist als der Rest, den ich bisher kennengelernt habe.
Ich habe so Hoffnung, dass er vernünftig, stilvoll und vertrauenswürdig ist.
Ich habe so wahnsinnig Hoffnung, dass, falls er wirklich so großartig ist, er mich vielleicht auch großartig findet und aus uns eventuell etwas wird.
Es wäre unbeschreiblich.
Und vielleicht würde es mich retten.
In jeder Hinsicht meines traurigen, grauen, depressiven Lebens.